Der junge Eisbär

In einer weißen Nacht…

“Ach, ist der süß”, sagte ein kleines Mädchen und drückte ihren weißen Teddy an die dunklen Gitterstäbe. “Nein, wie putzig. Schau mal, was für eine schwarze Nase er hat.” “Ja, genau wie dein Kuscheltier. Komm Liebes, wir müssen gehen. Schau die vielen Leute da in der Schlange, sie wollen ihn auch noch aus der Nähe sehen.” “Nein, ich will aber nicht – bitte!” “Wir können ja am Wochenende wieder kommen. Da wird er immer noch da sein.” – Und so zogen tagein tagaus hunderttausende von Besuchern an dem Gehege des einsamen Eisbären vorüber. Sie blitzen mit ihren Kameras, dass er manchmal gar nichts mehr sehen konnte und sich mit seinen Tatzen die Augen rieb, die oft genug rot entzündet waren.


Als letzter aber kam ein kleiner Junge mit dem Namen Niklas. Er war der Sohn des Parkwächters, der die gewaltigen Tore zu schließen hatte.
Der Eisb
är kannte ihn schon und wusste, wenn er da war, dann ging es ihm gut. Er kannte die sanfte Stimme des Jungen, der manchmal pausenlos redete. Mittlerweile konnte er auch seine Sprache verstehen. Aber mit solchen Begriffen, wie Smartphone, Kindle, Gameboy oder ein Kino, damit konnte er nichts anfangen, aber er hörte ihm gerne zu. Der Junge blickte auf seine Uhr und merkte, dass es schon recht spät war. “Jetzt muss ich aber schnell nach Hause,” sagte Niklas zum Abschied, “das Abendbrot wartet. Morgen komme ich wieder und erzähle dir eine neue Geschichte.” Er winkte ihm noch einmal zu, und dann wurde es still. Ganz still.


Der Eisbär fragte sich, was ist das – ein Zuhause?
Die Zeit wanderte und wendete sich der kalten Jahreszeit zu. Die vielen tausend Besucher wurden weniger, sein Fell graute sich langsam ein. Die einzige Freude, die er hatte, war immer noch sein kleiner Freund Niklas, obwohl der jetzt seltener kam.
Er war einsam geworden. Doch als er wieder einmal inmitten seines Geheges saß, merkte er, dass alles etwas anders war. Es war nicht so wie an jedem Tag. Auch Niklas war sehr lange bei ihm gewesen und fast schien es, als würde er immer noch kaum wahrnehmbar an den Stäben stehen.
Über die Mauer hinweg sah er die Weihnachtslichter der Großstadt. Wie sie funkelten… – Sie stiegen höher und höher und sammelten sich am Firmament. Fast so, als würden sie sich mit den Sternen vereinen.

Doch was war das? Ein großer Stern fiel plötzlich herunter und bildete einen langen Schweif. Wie ein helles weißes, leuchtendes Tuch schien er die Landschaft zu verwandeln. Tanzende Punkte hüpften vergnüglich, lustig hin und her. “Oh, was mag das denn nur sein?” Tollpatschig kugelte er sich im Schnee herum, rollte und rollte – und rollte immer weiter, bis er sich wohlig brummend aufrichtete.


Verwund
ert blickte er auf eine Landschaft, die bis zum Horizont reichte. Der Himmel schien die Eisschollen zu berühren, und hunderte von Robben tummelten sich an ihren Rändern. Hohe, bläulich, schimmernde Gletscher richteten sich gigantisch hinter ihm auf. Sie brachen ab, und mit einem Tosen rutschten sie ins eisblaue, kühle Nass.
Auf einmal bemerkte er, dass er nicht mehr allein war. Große feucht schimmernde Augen
blickten ihn erstaunt an. Langsam näherte sie sich ihm.
“Bist du eine große Schneeflocke, die vom Himmel gekommen ist?”, fragte er.
Sie aber schaute ihm tief in die Augen, stupste ihn in die Seite und brummte:

“Komm, Du bist zu Hause. Habe schon sehr lange auf Dich gewartet…. “

 

Autor: M.Haenlein


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